Aktuelles
05/05/2015

Buchrezension: „Kongo“ von David van Reybrouck

Buchrezension: „Kongo“ von David van Reybrouck

Eine Buchrezension zum 2012 erschienenen Werk „Kongo“.


Wie wir alle in den letzten Jahren immer wieder erfahren mussten, liegt das nähere Schicksal Ruandas sehr eng mit der weiteren Entwicklung des großen Nachbarstaates, der Demokratischen Republik Kongo – auch Kinshasa-Kongo genannt, in Abgrenzung zur Republik Kongo mit seiner Hauptstadt Brazzaville, verknüpft.

Nun ist im Suhrkamp Verlag ein recht dickes doch höchst spannend zu lesendes Buch über die Geschichte von Kinshasa-Kongo seit dem letzten Drittel des 19.Jahrhunderts erschienen. Ein Buch – dessen Verfasser aus Belgien kommt, diesem kleinen Land in Europa, das die jüngere Geschichte dieses riesigen Reiches so prägend gestaltet hat – ein Buch, das sich nicht im klassischen Sinne nur auf wissenschaftlich fundierte Quellen und Dokumenten stützt, sondern vor allem der oralen Kultur Afrikas gerecht wird und diese unzähligen vor Ort gesammelten Geschichten zu einem großen Bericht über das Land und seine Menschen zusammenfügt. So werden wir oft Zuhörer und Zeugen einer unglaublich lebendigen Gesellschaft – doch auch von unsäglichem, von unglaublichem Leid – ja zuweilen kaum zu ertragender Grausamkeit.

Immer wieder siegt jedoch dieser Wille zum Überleben, sei es dass man sich für eine Zeit lang arrangiert, sei es dass man revoltiert, sei es dass man in der Musik, im Tanz und im Sport, doch vor allem in der Gemeinschaft neue Hoffnung schöpft. Und je länger ich gelesen habe, umso tiefer bin ich in diese kongolesisch-afrikanische Welt eingetaucht. Und unweigerlich begibt man sich auf der Suche nach kleinen Filmen auf Youtube…

Es wird auch deutlich, wie eng die Geschichte Ruandas mit der Geschichte des Kongos und seiner belgischen Kolonialzeit zusammenhängt: vieles von dem, was nach dem Übergang aus dem Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. in die Hände der belgischen Regierung, in der kongolesischen Kolonie von statten ging, wurde nach 1916 auch in Ruanda angewandt: z.B. die Erfassung und Klassifizierung der Bevölkerung in unterschiedliche Ethnien: „Man erstrebte une colonisation scientifique wie Albert Thys es bezeichnete. Keine Ad-hoc Improvisationen mehr, sondern cartesianische Planmäßigkeit. Wissenschaftler waren die Verkörperung dieses neumodischen Ernstes…“ und weiter: „das Ergebnis war jedoch, daß diese Rassen plötzlich als etwas Absolutes gesehen wurden. Aber was zunächst nur als ein Ausgangspunkt war, wurde bald zur unumstößlichen Schlussfolgerung. Die Stämme wurden ewige, eigenständige und unveränderliche Einheiten.“ Und dies wie gesagt Anfang des 20. Jahrhunderts. Und so manches Erhellendes dann während dem allmählichen Machtverlust Mobutus wie der Osten des Landes zu einer Keimzelle des Widerstandes wurde aber wie Mobutu dort die ethnische Karte gegen die eingewanderten Banyarwanda (seien es die Banyamulenge, seien es die während der belgischen Zeit zwangsweise angesiedelten Ruander zur Stärkung der dortigen belgischen Produktion) zog, um vor eigenen Versäumnissen in der Wirtschaftspolitik abzulenken. Und schließlich die Auswirkungen des Völkermordes in Ruanda auf die Stabilität der ganzen Region im Osten des Landes – ganz abgesehen davon, daß es im Wesentlichen den ruandischen Streitkräften zu verdanken war, daß Mobutu 1996 gestürzt wurde.

Fast schon genial, das Buches in China enden zu lassen: Wir, die wir so sehr mit uns beschäftigt sind, vergessen zuweilen gänzlich, dass große Teile des afrikanischen Kontinents mittlerweile auch ganz woanders hin schauen: nach Osten in den asiatischen Raum.

Ärgerlich ist ein wenig das Cover der deutschen Ausgabe: im Gegensatz zur flämischen Ausgabe, die den wichtigsten Interviewpartner zeigt, bildet der Suhrkamp Verlag das stereotype Porträt eines melancholisch blickenden schwarzen Mannes ab, das so klassische Afrikabilder bestätigt.

Das Buch ist ein Muss für Afrikainteressierte – speziell Zentralafrika – und wie geschaffen für die langen Winternächte. Ich kann es nur empfehlen.

-Michael Nieden

„Kongo“ von David van Reybrouck, 2012, Suhrkamp Verlag.

Jetzt kontaktieren